Kein Blickwinkel auf Europa und seine Bildungssysteme PDF Drucken
Dienstag, den 20. Juli 2010

mittendorf_160x120In Hamburg wurde am Sonntag, dem 18. Juli 2019, in einem Volksentscheid zur Schulreform über die Einführung der 6-jährigen Primarschule abgestimmt. Die Bürgerinnen und Bürger entschieden sich mehrheitlich für die Beibehaltung der 4-jährigen Grundschule. Dazu erklärt Rita Mittendorf, bildungspolitsche Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion: „Eigentlich erstaunt es schon, dass eine weltoffene und internationale Stadt wie Hamburg in Bildungsfragen so konservativ entscheidet und dabei den Blickwinkel nicht wenigstens auf Europa und seine Bildungssysteme richtet.

Wenn sich die Initiative Wir wollen lernen durchgesetzt hat, ist das umso bedauerlicher, weil sich hinter diesem Slogan vor allem die versammeln, die sich nicht nur sehr gut artikulieren können, sondern auch durch ihre Wortwahl suggerieren, dass alle, die ein anderes System wollen, entweder nicht lernen können oder wollen. Mit solchen Unterstellungen arbeitet man nicht! Im Gegensatz zum zurückgetretenen Bürgermeister Ole von Beust, der eine sehr moderne Auf­fassung über die notwendigen Veränderungen der Bildung in Deutschland hatte, setzen die Initia­toren der Initiative und leider auch zu viele Bürgerinnen und Bürger Hamburg auf Bildungsstruktu­ren des 19. Jahrhunderts, die längst durch die gesellschaftliche Entwicklung überholt sind. Schade!

Was erfreulicherweise bleibt, ist die Umsetzung der Stadtteilschulen. Wegen der Unattraktivität des Hauptschulbildungsganges, was inzwischen bundesweit wohl unumstritten scheint, ist die Zusam­menlegung von Real- und Hauptschulbildungsgängen jetzt einfach erforderlich. Genauso erforderlich ist es, in diesen Schulen die Möglichkeit zum Erwerb einer Hochschulzugangsberech­tigung zu schaffen.

Die frühe Bildungswegetrennung nach Klasse 4 wird auch weiterhin zu übertriebenem Leistungs­druck in den Grundschulen führen und auch zu Fehlentscheidungen bei der Wahl der weiterfüh­renden Schulform, denn bei einem 9- bzw. 10-jährigen Kind ist aus entwicklungspsychologischen und pädagogischen Gründen nicht sicher zu prognostizieren, welche Leistungen es wirklich einmal erreichen kann bzw. wird. Wer Kinder individuell fördern will, darf sie nach meiner Meinung nicht vorher in verschiedene Schulformen stecken, sondern muss jedem Kind eine echte Chance einräumen.

Außerdem war es schon erstaunlich, wie auch die überregionale Presse das Thema Bildung in der Sommerpause für sich entdeckte – ein Schelm, der Böses dabei denkt! Wobei die Debatte über die chaotischen Folgen des Bildungsföderalismus hoffentlich das Sommerloch überleben wird – auch oder gerade wegen des Entscheids in Hamburg.

Der Ausgang des Entscheids in Hamburg ist bildungspolitisch ärgerlich. Nun ist das Ja oder Nein für die 6-jährige Grundschule in Hamburg für uns in Sachsen-Anhalt nicht die entscheidende Frage. Wir haben andere bildungspolitische Konzepte, und wir haben eine Empfehlung des Bildungskonvents. Der beauftragt die Politik, an der Verbesserung unseres Schulsystems in verschiedenen Formen zu arbeiten, also inhaltlich und strukturell.

Das ist auch nötig, da wir mit den Gesamtergebnissen nicht zufrieden sein können. Denn trotz einiger Verbesserungen verlassen immer noch bis zu 20 Prozent der jungen Menschen unsere Schulen entweder völlig ohne Abschluss oder aber mit einem Abschluss, der ihnen beim Eintritt in das Arbeitsleben nicht oder nur wenig hilft.“

 
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